Setlist Hannover, Frankfurt, Dortmund, Zürich & Wien
Keine Abwechslung (mal Abgesehen vom Tausch von Nikita/Sacrifice) bei der Setlist, dafür aber ein ausgewogenes Programm, hauptsächlich mit Liedern aus den 70er und 80er Jahren:
Konzertberichte Hannover
Lesen Sie hier einen Bericht von www.elton.de und vergessen Sie nicht uns auch Ihre Meinung mitzuteilen, einfach mit unserem Formular oder per mail an konzertkritik@elton.de!
Bericht von www.elton.de vom 19.11.2000:
Elton, sein Klavier und ein Synthesizer
Elton beginnt seine letzten Deutschlandkonzerte vor 8.000 Zuschauern in Hannover.
von Thomas Pettinger
Man sollte am besten nicht vergleichen, aber meine Eindrücke aus dem New Yorker Madison Square Garden (MSG) im Oktober sind noch zu frisch. Daher kann eine begeisterte Besprechnung hier nicht herauskommen. Denn man kann ein deutsches Publikum in Hannover kaum mit einem Amerikanischen in New York, die Preussag Arena mit dem MSG oder ein Solokonzert mit einer
Bandperformance vergleichen.
In einem cremeweißen Anzug betritt Elton John die Bühne, nur wenige Elemente mit griechischen Ornamenten stehen dort. Er nimmt gleich am Klavier Platz, beginnt mit 'Your Song' und erklärt seinem Publikum danach, was es an diesem Abend zu erwarten hat: "Tonight it's just me and my piano." Er unterschlägt dabei die vielen Geräte neben und hinter der Bühne: Synthesizer, die seine Stimme immer wieder gewaltig aufbauschen oder das Klavier verzerren. Die neue und nun erstmals in Deutschland eingesetzte Tonanlage kann zwar viel, bei einem Solokonzert wäre weniger aber mehr. Elton spielt in Hannover Balladen vom Beginn seiner Karriere bis heute, auch wenn die 90. und 2000. nur je mit einem Stück vertreten sind. Dabei ist es fast so als sei Bernie Taupin, sein Textschreiber seit über 30 Jahren, mit auf der Bühne. Denn immer wenn Elton ein Lied erläutert, erwähnt er Bernie. Elton spielt 'The Greatest Discovery' ein Lied über die Geburt eines Kindes im Hause Taupin oder 'Tiny Dancer' aus dem von Elton besonders gemochten Album 'Madman Across the Water', dieses Lied erlebt gerade in den USA ein Revival, da es dort im Kinofilm "Almost Famous" gespielt wurde. Fernsehen und Radio plazierten den über 30 Jahre alten Hit wieder in ihrem Programm. Einmal müssen auch die richtigen Fans mit dem Mitsingen aufhören, dann dann spielt Elton ein bisher unveröffentlichtes Lied aus seinem im Frühjahr erscheinenden Studioalbum: 'Amarican Triangle', ein Lied über die Ermordung von Matthew Shephard, einem Studenten aus Wyoming, der von Schwulenhassern 1998 brutal umgebracht wurde. Großartig waren immer wieder die Klaviersolos, Elton gibt alles, liegt halb under dem Klavier, immer wieder nickt er ins Publikum um seine Begeisterung auch dorthin zu übertragen, was nur bei wenigen treuen Herculesfans gelingt. So wirkt er fast ein bißchen ungläubig, wenn die Hannoveraner nach den Stücken von ihren Stühlen aufspringen und ihren Star feiern wolen. Elton John nimmt sich Zeit für seine Fans. Er gibt Autogramme und spielt zum Schluß fast drei Stunden lang. Nach 'Crockodile Rock' dürfen die Fans vor der Bühne bleiben und dort bekommt dann auch Hannover fast ein bißchen etwas vom Madison Square Garden in New York. nach oben Und das meint www.elton.de-Leser Marco Dümer aus Hamburg über das Hannoverkonzert: Elton John war F A N T A S T I S C H!"Elton John kann alleine eine ganze Halle zum Toben bringen. Ich hatte aus Reihe fünf direkten Blick auf ihn und konnt sehen wie er es genießt Musik zu machen und eine Menge um den Finger zu wickeln. Dann dieses Lied 'Rocket Man' es war fanatsisch. Mit welcher Stimmgewalt er das sang und die Bildsprache auf den Videoleinwänden, dass war toll, fanstastisch, super! Elton ist unser Rocket Man! Hoffentlich kockt er für uns bald wieder!"
Bericht der Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 20.11.2000:
Einer für alle
Elton allein zu Gast: Sir John spielt vor 7500 Zuschauern in der Preussag Arena
von Uwe Janssen
Elton John hat Probleme, die wir alle gerne hätten. Er weiß zum Beispiel
nicht, wie reich er ist. Und da seine Steuerberater das offenbar auch nicht
wissen, hat Elton John sie nun verklagt – wegen nachlässiger Buchhaltung.
Allerdings hat er ihnen das Geld-Zählen auch nicht leicht gemacht. Vor
kurzem soll Sir Elton es geschafft haben, an einem einzigen Tag umgerechnet
1,74 Millionen Mark für ein paar Gemälde und andere Kunstgegenstände
auszugeben.
Was kann einen Mann, der auch künstlerisch eigentlich schon alles erreicht
hat, denn überhaupt noch kicken? Aus dem Show-Business, oberste Etage, sind
drei Varianten bekannt: im gesetzten Alter noch Golf spielen lernen, mit
einem Ballon die Welt umrunden – oder auf Solo-Tournee gehen. Elton hat
Umschlag drei gewählt, wie vorher unter anderem schon Bruce Springsteen oder
Chris de Burgh. Der Gedanke, sich hinter keiner Band, hinter keinem
technisch hochgebrezelten Sound und hinter keiner verschwenderischen Kulisse
verstecken zu können, treibt auch Elton John allein auf die Bühne. Er muss
es ihnen zeigen. Helfen kann ihm keiner. Und da sitzt er nun an seinem
Flügel, mutterseelenallein auf der Bühne in der riesigen Preussag Arena.
Sein Kapital: Ein guter Ruf und Dutzende von Songs, die so stark sind, dass
sie auch als Piano-Vokal-Arrangement funktionieren. Aber trägt das den
ganzen Abend? Punkt acht steigt Elton John im cremefarbenen Anzug die
Treppe zur mit vier mäanderverzierten Stellwänden dekorierten Bühne herauf,
grüßt ins weite Rund, setzt sich an seinen Arbeitsplatz und steigt risikolos
mit Your Song ein. Doch wer ein reines Hit-Programm erwartet hat, wird
(angenehm?) überrascht. Bereits den zweiten Song kennen nur die Fans,
deshalb sagt der Geadelte ihn auch an: Greatest Discovery hat immerhin
schon 30 Jahre auf dem Buckel und ist dem Sohn seines langjährigen
Songtexters Bernie Taupin gewidmet. Genau in diesem Rhythmus geht es auch
weiter. Bekannte und weniger bekannte Songs aus seinem schier
unerschöpflichen Repertoire wechseln sich ab, neben Piano und Stimme
schleichen sich hier und da ein paar schwülstige und durchaus verzichtbare
Streichersounds aus dem Off an die dafür vorgesehenen Stellen.
Aber schon bald wird klar: Er kriegt sie alle. Und zwar ausschließlich mit
seiner Musik. Seine Ansagen bleiben spärlich, ganz zu schweigen von
Anekdoten, die andere gern in einen solchen Liederabend einstreuen. Doch
Elton John, so exzentrisch er abseits der Bühne sein mag, ist vor seinem
Publikum nun einmal kein großer Erzähler. Es reicht hin und wieder mal für
ein Nicken in die Runde, und wenn er aufsteht, dann meistens nur, um an
seinem Wasserglas zu nippen, das auf einem kleinen silberfarbenen Tischchen
hinter ihm steht.
Ansonsten wird gearbeitet, und spätestens beim ausgedehnten Solo im zackigen
Honky Cat zeigt sich, auf was es an diesem Abend ankommt. Da gibts
erstmals Szenenapplaus, und es gibt nicht nur im bestuhlten Innenraum
Standing Ovations. Auch der Letzte dürfte jetzt gemerkt haben, dass hier
nicht nur ein Hitschreiber am Werk ist, sondern auch ein glänzender
Instrumentalist, der weitaus mehr kann, als im schwelgerisch-romantischen
Ton über die Tasten zu fliegen. Rocket Man wird, wie auch in seinen
Band-Konzerten üblich, auf satte zehn Minuten geweitet und bekommt plötzlich
einen neuen Spannungsbogen, während auf zwei Bildschirmen links und rechts
über der Bühne Bilder aus dem Weltraum zu sehen sind. Nikita, Sacrifice,
I guess thats why they call it the Blues, Blue Eyes oder als
allerletzte Zugabe Candle in the Wind (jetzt wieder für Norma Jean) wirken
in abgespeckter Form kraftvoller als im formatradio-bekannten
Bandarrangement.
Elton John ist konzentriert an diesem Abend. Fehler, wie sie bei einem
langen Konzert nun einmal gemacht werden, versenden sich hier nicht im
Zusammenspiel vieler Instrumente, sondern werden registriert. Zumindest weiß
der Künstler, dass sie registriert werden könnten. Im zweiten Abschnitt
merkt man seiner Stimme an einigen Stellen an, dass ein Solo-Abend Kraft
kostet. Und der Abend ist lang: Immer wieder Blumen, Bravos und tosender
Applaus von 7500 Menschen, die einen Künstler gesehen haben, der einen
Beweis angetreten hat. Es ist bewiesen. Elton John kann es. Auch allein. Nun
kann er sich wieder um sein Geld kümmern. nach oben
Bericht der Neuen Presse vom 20.11.2000:
Elton John in Hannover
Solo für zwei - der große Sir Elton John (53) und sein großes Klavier. In der Preussag-Arena feiert der Fürst der gepflegten Pop-Ballade vor mehr als 8000 Fans vor allem seine frühen Jahre.
von Laurenz Lierenz
Ja, und dann rockt Sir Elton John das wohl temperierte
Piano auch noch mal richtig hitzig, macht Dampf,
beschwört die Zeiten herauf, in denen "Suzy ihre
Klamotten noch hauteng" tragen konnte. Und die Massen
in der Preussag-Arena rocken mit, als wärs das
Premierenfinale von "Grease" im Aegi. Rock'n'Roll außer
Rand und Band. Es ist, als wären die Jahre von Bill Haley
und Elvis ein Stück der eigenen Teenie-Zeit. Toll wars, als
man einen alten, goldenen Chevrolet fuhr und glaubte, ja,
"der Crocodile Rock, das wäre so ein Ding für die
Ewigkeit".
"Nur ich und mein neun Fuß großes Piano", verspricht
Elton John für diese Winterkonzerte. Der Superstar
verzichtet auf auffälliges Outfit. Cremeweißer Anzug,
darunter ein schwarzes T-Shirt. Das wars schon. Und blau
getönte Nickelbrille. Und wenn er das Instrument zu
Beginn wehmütig anschlägt und dazu seufzt "Ich hab
nicht viel Geld, aber, Mensch, hätt ich welches, würde ich
ein großes Haus kaufen, wo wir beide drin leben
könnten", dann ist Märchenstunde. Elton schwebt, alle
schweben mit. Der Trick von "Your Song" - jeder Einzelne
ist angesprochen. Ein Liebeslied als Geschenk "für Dich".
So gewinnt man auf Anhieb die Herzen der
hannoverschen Pop-Gemeinde.
Elton 2000 - ein frischer Typ. Hat keinen gar so großen
Bauch mehr, hat wieder wuschelige Haare, hat wieder
Spaß an der Musik, ist auch kein Publikumsmuffel mehr
und gesteht sich während seiner "Medusa"-Show ein,
dass die 70-er ganz klar sein Jahrzehnt waren. Das
Jahrzehnt von ewigen Songs wie "Daniel" und "Sorry
Seems To Be The Hardest Word". Zu "Rocket Man" singen
die Fans den Refrain, die düsteren Ahnungen des
Astronauten von der Einsamkeit des Flugs. Und die
Feuerzeuge flammen dazu auf, die Preussag-Arena wird
ein virtuelles Sternenzelt: "And I think its going to be a
long, long time..."
Zweieinhalb Stunden. Immerhin. Doch da ist mehr als die
versprochene Klaviereinsamkeit. Von Beginn an steigt es
aus den Ritzen der Balladen, hindert manche Songs am
Atmen, frisst an der trauten Stimmung des puristischen
Piano- Abends: unsichtbare Streicher, zuweilen gar
Keyboardschwaden. Die Momente, in denen Stille möglich,
ja, gefordert ist, werden mit schwulstiger Feierlichkeit
zugedröhnt. Ein zahnschmerzsüßes Phantomorchester
liefert Pathos, ein Säuseln und Zirpen hebt an, wieder und
wieder. Platte Unterfütterung, die manches Stück an
den Rand der Karikatur bringt. Pop-Rokoko. Sir Elton
glaubt, mehr sei mehr. Sir Elton trägt dick auf. Sir Elton irrt
im großen Stil. Schade. nach oben
Konzertberichte Frankfurt
Bericht von www.elton.de vom 21.11.2000:
Elton in Frankfurt
Elton hatte leichte Stimmprobleme
von Thomas Pettinger
Also wirklich, man gebe einem deutschen Publikum keine Stühle, sonst sitzen dort alle wie bleiern. Ich gebe es zu: Ich auch, allerdings eher krankheitsbedingt. Was gibt es aus Frankfurt zu ergänzen? Das Konzert begann pünktlich, die Leute kamen aber auch als Elton schon mitten im ersten Stück war noch scharenweise herein. Er kam diesmal in einem schlichten roten Sacko mit schwarzer Hose. "Your Song" wurde so etwas unruhig und auch die Stimme von Elton machte bei vielen seiner alten Stücke aus den 70ern nicht richtig mit. Er erreicht die ursprünglichen Höhen dieser Stücke nicht mehr und im Lied 'Ticking' irritiert er die treu mitsingenden Fans noch mit einigen Patzern beim Klavierspiel. Aber Elton John ist Profi, ausgedehnte Klaviersoli, durch die sein Programm dann volle drei Stunden dauerte, fingen diese Schwachstellen wieder auf. Dann bekam auch das Publikum laune und tanzte und gab Elton das Zeichen noch ein bißchen mehr aufzudrehen und gerade "Bennie in the Jets" zu Schluß nochmals furios auszubauen. Frankfurt hat Spaß gemacht! Und wie fanden Sie es? Schreiben Sie uns Ihre Meinung!
nach oben
Bericht von Frankfurter Rundschau vom 23.11.2000:
Der Sonnenkönig des Pop
Elton John ohne Band, aber mit Piano und drei Stunden lang in der Festhalle.
Von Sylvia Staude
Würde man Menschen, die Elton John nicht kennen, ein Foto von ihm vorlegen und sie nach dem vermuteten Beruf dieses Mannes fragen, würden sie wahrscheinlich raten: Staubsauger-Vertreter? Steuerberater? Verkäufer für Herrenunterwäsche? Denn zu sehen wäre auf diesen Bildern ja nur ein moppeliger mindestens Fünfzigjähriger mit furchtbar braver Föhnfrisur und getönter Brille. Ganz normaler Brille, inzwischen.
Doch der Herr ist Sir und er ist ein Star, schon viele Jahre lang. Und er ist es gegen erhebliche Widrigkeiten geworden, die da sind: ein Äußeres, das noch nicht mal "interessant" genannt werden kann (wie etwa bei Mick Jagger). Eine Stimme, der das Unverwechselbare und vor allem dieses sexy Röhren fehlt, mit dem sich Kollege Joe Cocker nach vorne sang. Und, nicht zu vergessen, das relativ frühe Bekenntnis zur Homosexualität, das in den USA prompt zum Karriereknick führte, und, so darf man annehmen, auch in England keineswegs mit einem lässigen "so what?" aufgenommen wurde. Und dennoch konnten die Zeitungen kürzlich melden: "Elton John hat den britischen Peoples Award der BBC gewonnen. In der Show vom 8. Oktober gewann Elton vor den ebenfalls nominierten Robbie Williams, Travis and Tom Jones. In einem kurzen Fernsehinterview sagte Elton John, er sei überrascht, diesen Preis zu gewinnen, besonders da Robbie etwa 45 000 Jahre jünger sei als er".
Es muss also an der Musik liegen. Die konnte man nun in relativ reiner Form und sehr ausführlich - fast drei Stunden lang - erleben beim Solo-Konzert Elton Johns in der Frankfurter Festhalle.
Doch so pur, wie er anfangs versprach, präsentierte er seine Songs leider doch nicht: Angekündigt hatte er "just me and a piano", aber neben der Bühne stand elektronisches Equipment und lieferte immer wieder mal Streicher-Schwaden, Bass-Grummeln, fetten Hall und sogar Mundharmonika-Schmelz. Vielleicht glaubt Elton John, den Fans diese Unterfütterung schuldig zu sein, die besonders bei Circle of Life, dem Titelsong zu König der Löwen schnurstracks in den Bombast führte.
Andererseits passt gerade das zu einem Mann, der schon immer gern dick auftrug. Ob er nun in Kostümen Geburtstag feiert, in denen selbst der Sonnenkönig Staat gemacht hätte, oder sich in anderthalb Jahren für 293 000 englische Pfund Blumen kauft (wie gerade vor Gericht bekannt wurde) und das ganz normal findet: Elton John liebt den Prunk und Pomp.
Vielleicht ist es ihm ja genau deswegen gelungen, Melodien zu finden für das große Gefühl, Melodien, die, sprechen wir das Wort gelassen aus, etwas Geniales haben. Manchmal gelangen sie freilich erst richtig zur Geltung, wenn andere sie singen: Sinead O'Connor mit ihrer Elfenstimme etwa Sacrifice. Oder Oleta Adams mit schwarzem Schmelz Don't let the sun go down on me. Oder auch Bruce Hornsby, der Madman across the water zu ungeahnter Eleganz führte. Elton John hat einen eher harten Zugriff auf seine Lieder, und das ist wörtlich zu verstehen: Er hämmert auf die Tasten, dass man meint, das Piano müsste in die Knie gehen. Und das nicht nur beim Crocodile Rock, bei dem das Publikum so schön "laaaaaaaa lalalalala" singen darf.
Sacrifice war im Programm am Dienstag Abend, ebenso Rocket Man, Your Song, Daniel und Nikita. Und Unbekannteres, etwa der 1974 entstandene Song Ticking, der sich damals schon mit Jugendgewalt und der leichten Zugänglichkeit von Waffen beschäftigte. Und ein nagelneuer mit dem Titel American Triangle, der dieses Thema wieder aufgreift am Beispiel der Ermordung des schwulen Jungen Matthew Sheppard. Diese Lieder, die ihm, so darf man vermuten, am Herzen liegen, schmuggelt Elton John unter die Hits, die das Publikum nach den ersten Takten mit Applaus begrüßt. Er weiß, was er seinen Fans schuldig ist.
Und so singt Elton John schließlich, als letzte Zugabe, das Lied. Auf das alle gewartet haben. Er hat es mittlerweile der Frau zurückgegeben, der es eigentlich gehörte. Und so ist es wieder das, was es einmal war: ein wunderbares Lied über Marilyn Monroe. Das ist mehr, als andere Popstars auf dem Konto haben - mögen sie auch 45 000 Jahre jünger sein.
nach oben
Bericht von Frankfurter Neuen Presse vom 23.11.2000:
Der große Magier der Popmusik
Pop-Ikone Elton John spielte in der ausverkauften Frankfurter Festhalle.
Von Olaf Kern
Der letzte Ton ist verhallt. Die Lichter gehen aus. Die Halle liegt im Dunkel. Bis sich wenige Spots auf das Klavier richten und es noch einmal hell anstrahlen. Der stumme, schwarz lackierte Flügel scheint noch einmal knisternde Energie zu versprühen - ein Gänsehautmoment für die Zuschauer, von denen in der Hoffnung auf eine allerletzte Zugabe keiner zu gehen wagt - und das nach einem knapp dreistündigen grandiosen Auftritt.
Elton John, solo, im rot-orangenen Jackett, das etwas stramm um die Hüften sitzt, nur ein Mikrofon und die schwarz-weißen Tasten vor ihm, büchsenweise Cola trinkend aus einem edlen Getränkeständer, ist das Beste, was die Frankfurter Festhalle in diesem Jahr bislang zu bieten hatte. Der als Reginald Kenneth Dwight 1953 geborene Brite ist ein echter Star unter den vielen flüchtigen Popsternchen.
Elton John genießt das Bad in der Menge Fans, für die ausnahmsweise auch das weite Rund hinter der Bühne geöffnet wurde. Und sein Publikum genießt die Musik. Viele unvergängliche Hits hat er ihm in den 30 Jahren seiner Karriere geschenkt, und viele spielt er an diesem Abend: Songs wie "Nikita", "Sacrifice", "Blue Eyes", "I Guess That's Why They Call It The Blues" oder "Sorry Seems To Be The Hardest Word".
Er erinnert vor allem auch an die Anfangsphase seiner Solo-Laufbahn mit "The Greatest Discovery", "Harmony" oder "Tiny Dancer", das den Bogen schlägt zu Elton John im Jahr 2000. Das tränenselige "American Triangle" dagegen gibt einen Vorgeschmack ab auf sein neues Album im nächsten Jahr, für das Elton John 25 neue Lieder ankündigt.
Sein Profil reicht aber auch vom echten Rock 'n' Roller, einem "Madman" am Klavier, der mit "Johnny B. Goode" seine Tasten traktiert, bis zur romantisch verklärten, rein akustischen "Carla Etude". "Rocket Man" ist nicht nur eine weitere Station, sondern auch Teil amerikanischer Geschichte: Über die Leinwand schnellen dazu Bilder vom einstigen Wettlauf der Raumfahrtnationen aus Ost und West.
Und doch naht irgendwann der Abschied. Elton John, der ein ums andere Mal zurückkommt, hat die Menge fest im Griff. Er schreibt Autogramme am Bühnenrand, stimmt "Crocodile Rock" an, "Circle Of Life", "Benny & The Jets", lässt kurz "In The Mood" anklingen und endet mit "Candle In The Wind": Das Licht geht aus. Ein Klavier bleibt zurück. Es war ein großer Abend.
nach oben
Bericht aus dem Darmstädter Echo vom 22.11.2000:
Hymnen auf die Harmonie
ELTON JOHN und sein Piano – auch in der Frankfurter Festhalle ein Liebespaar.
von Stefan Benz
Kein Blitz und Donner, keine Fanfare, kein Feuerwerk. Wie ein Techniker, der nur mal das Mikrofon prüfen will, spaziert Reginald Kenneth Dwight am Dienstag auf die Bühne, grüßt in die Tiefe der ausverkauften Frankfurter Festhalle, setzt sich vor sein elektronisch aufgerüstetes Piano und spielt über zweieinhalb Stunden. Nur der Künstler und sein Instrument: offenbar ein Liebespaar.
Kein Mummenschanz, kein Firlefanz. Die Zeiten, da der kleine Mann mit der melodramatischen Stimme seine Konzerte als schrille Modenschauen inszenierte, sind längst vorbei.
Die Bühne besteht aus vier metallischen Stellwänden, Elton John trägt ein rotes Jackett, wohl damit das Publikum am anderen Ende der Festhalle von ihm wenigstens noch einen kleinen bunten Punkt sieht. Nun, da vor einem britischen Zivilgericht ruchbar geworden ist, dass Elton John in jedem Monat rund sechs Millionen Pfund verjuxt, mögen Spötter spekulieren, dass er sich eine Band nicht mehr leisten könne oder die Gage nicht mit anderen Musikern teilen wolle. Sein Konzert in Frankfurt vermittelt jedoch eher den Eindruck, dass da ein Künstler vor dem Ruhestand noch ein wenig sein Repertoire pflegen möchte.
So unspektakulär, wie er die Bühne betritt, zieht Elton John auch sein Programm durch. Er hat in drei Jahrzehnten so viele Hits gesungen, dass es für fünf Großkarrieren langen würde. Er tritt nicht mehr mit den Füßen in die Tasten, nur manchmal hebt es ihn noch von seinem Hocker. Entsprechend zurückhaltend reagieren die Zuschauer. Die Festhalle ist bestuhlt, ein eher gesetztes Publikum hat Platz genommen. Man tippt den Takt mit dem Finger auf dem Knie, während der Mann am Klavier die Tasten zärtlich streichelt.
Mal klingt sein Instrument wie ein Glockenspiel, mal schallt es metallisch, bisweilen liegt ein säuselnd-summender Synthesizer-Teppich unter den Songs. Elton John kann dem Piano ein erstaunliches Klangspektrum entlocken, lässt es donnern und grollen, hackt in tiefen Lagen den Rhythmus und ersetzt so die Bassgitarre.
Nach einer Stunde kommt mit Philadelphia Freedom ein wenig Schwung in die gediegene Darbietung, doch das ist nur ein Intermezzo. Elton Johns Musik ist an diesem Abend ungemein beruhigend. Je nach musikalischer Vorliebe mag man es Schmuse- oder Schnarchpop nennen. Seine Edelschnulzen sind die ideale Fahrstuhlmusik, Songs, die die Hochhausverwaltung einspielen sollte, wenn der Aufzug für Stunden stecken bleibt. Mit Elton John im Ohr wird schon niemand in Panik geraten.
Erst bei den Zugaben stehen alle in der Halle, da spielt er den Crocodile Rock. Im Hauptteil wirkt ein anderer Song programmatisch: Harmony, diese Hymne auf den melodischen Wohklang. Das Rezept für seine lieblichen Ohrenschmeichler variiert Elton John kaum noch, er hat seine Instantmischung für zeitlose Balladen mit garantiertem Wiedererkennungseffekt.
Was er in Frankfurt serviert, ist süßlicher Pianopop, schonend zubereitet, mit wenig Salz und ohne Pfeffer. Das ist auf Dauer recht fad, aber – per Nahaufnahme auf den Großbildvideowänden – zuzuschauen, wie Elton John seine Zutaten mit flinken Fingern an den Tasten unermüdlich verrührt, mag den Eindruck der Monotonie mildern.
Die Bilder zu dieser Musik entstehen ohnehin im Kopf, wenn man die Lider senkt und sich träumerisch in den immer gleichen Sound sacken lässt. Elton Johns großes Pianosolo ist die Hintergrundmusik zu einer monumentalen Romanze, die nur aus Abschieds- und Versöhnungsszenen zu bestehen scheint: ein akustisches Rührstück.
nach oben
Bericht aus der Offenbach-Post vom 23.11.2000:
Ein Mann und sein Instrument
Von Markus Schaible
Eine gemütliche Kneipe, ein paar gute Freunde, eisgekühltes Pils, gute Stimmung und in irgend einer Ecke ein "Piano Man", der später, wenn es leerer wird, auch noch ein Wunschkonzert veranstaltet; so schön kann Feierabend sein. Frankfurter Festhalle, tausende Menschen auf unbequemen Stühlen, Bier aus Plastikbechern und vorn, von bunten Scheinwerfern angestrahlt, ein kleiner, leicht molliger Mann mit orangerotem Sakko, der einen Klassiker nach dem nächsten zum Besten gibt; auch eine Art der Freizeitgestaltung.
Gut, Elton John kommt nicht jeden Tag in die Bankenmetropole (wo gibt es heute noch Kneipen mit guter Live-Musik?). Aber wenn er Station macht, zeigt der 53-Jährige, der Anfang der 70er Jahre seine ersten Erfolge feierte, dass er noch lange nicht zum "alten Eisen" gehört. Sicher, er ist ruhiger geworden: Statt auf wilden Mann macht er jetzt auf seriös, statt Rock'n'Roll gibt es Softrock.
Elton John pur: Nur er, sein Gesang und seine Pianokünste (und ab und an ein paar Keyboard-Untermalungen aus dem Off). Und Hits, Hits, Hits. Nun gut, der Brite hat so viele davon, dass er sie nicht einmal in drei Stunden unterbringen kann; zumal er auch weniger Bekanntes und sogar einen brandneuen, noch unveröffentlichten Song singt.
Der Brite macht nichts falsch an diesem Abend, zeigt, dass er noch immer gut bei Stimme ist (obwohl es in den Höhen ein wenig fehlt), dass er ein hervorragender Pianist ist und sowohl Balladen ("Daniel") als auch fetzige Songs ("Crocodile Rock") beherrscht. In die Mitte des Konzertes hat er einen grandiosen Höhepunkt gelegt: "Rocket Man". Er bietet es nicht dar, er zelebriert das Stück.
Es ist schwer zu fassen, woran es liegt. Nicht daran, dass überwiegend sanfte Titel erklingen, nicht daran, dass sich Elton John keine Mühe gibt (vielmehr merkt man ihm den Spaß förmlich an). Doch der letzte Kick, er will nicht kommen. Alles schön, alles wundervoll, alles solide. Aber für einen Mann (und ein Piano) alles zu groß. Womit wir wieder bei der gemütlichen Kneipe wären. Freunde, Pils, Stimmung - und am Piano Elton John. Das wär's. Aber das wird wohl für immer ein Wunschtraum bleiben.
nach oben
Konzertberichte Dortmund
Bericht von www.elton.de aus der Dortmunder Westfalenhalle vom 22.11.00:
Elton mag keine Raubkopierer
Elton John spielt in Dortmund unkonzentriert und macht seinem Ärger Luft
von Thomas Pettinger
Elton John hat seinem Ärger über Raubkopien seines neuen Songs 'American Triangle' Luft gemacht. Bevor er diesen Song in Dortmund spielte sagte er: "Jetzt kommt mein neuer Song, ich habe ihn nur wenige Male gespielt, aber ich habe gehört das er trotzdem bereits mitgeschnitten und die CD verkauft wird." Dann wandte er sich wohl direkt an mögliche Raubkopierer: "Glaub mir, wir kriegen Dich, und Deine Familie, Deinen Hund und Deine Katze. Aber es wird mich nicht hindern, den Song weiterhin zu spielen. Hier ist er." Anders als in Frankfurt hatte Elton keine Stimmprobleme, war aber deutlich unkonzentrierter als bei den Shows zuvor. So stoppte er schließlich nach der ersten Strophe seines Hits 'Candle in the Wind' und begann ihn mit den Worten "Once More" erneut.
nach oben
Konzertbericht aus Zürich (CH)
Kurz und knapp, die Meinung von elton.de Leserin Gabriele Jakob aus Rheinfelden:
S U P E R
"Ich liebe Elton. Es war mein 5. Konzert. Für mich wird er immer besser ! ! ! ! !"
Bericht aus der Neuen Zürcher Zeitung vom 23.11.2000:
Ritter des verzuckerten Piano-Pop
Umjubelter Solo-Auftritt von Elton John im Hallenstadion
fsi.
fsi. Dass er ein toller Stadion-Rocker ist, der mühelos ausverkaufte Hallen und Sportarenen in seinen Bann ziehen kann, hat Elton John schon mehrfach bewiesen. Doch würde Sir Elton, wie sich der geadelte Ritter des gepflegten Piano-Pop seit einiger Zeit offiziell nennen darf, ganz alleine an seinem Flügel, zwischen vier abgeschrägten metallenen Stellwänden und zwei grossen Leinwänden rechts und links der Bühne bestehen können? Er kann's. Schon mit den ersten Takten von «Your Song» nimmt er die zwölftausend, die am Freitagabend zum seit langem ausverkauften «Evening with Elton John solo» ins Zürcher Hallenstadion gekommen sind, sanft in den Griff undlässt sie, abgesehen von einem kurzen Durchhänger beim Instrumental «Carla/Etude», während des ganzen rund dreistündigen Konzerts nicht mehr los.
Sicher, die hohen Töne wollen Elton John nicht mehr ganz so hell und rein von den Lippen gehen wie einst, aber das macht er locker wett mit seinem virtuosen, kräftigen Pianospiel und einer beeindruckenden Bühnenpräsenz. Als gewiefter Entertainer weiss der 53-jährige Brite, was sein Publikum will, nämlich jene schmachtenden Balladen, mit denen er in den siebziger und achtziger Jahren die Hitparaden gestürmt hat. «Daniel», eine frenetisch bejubelte Zehn-Minuten-Version von «Rocket Man», «Nikita», «Sacrifice», «Blue Eyes», «Don't Let The Sun Go Down On Me» - Elton John kann aus einem schier unbegrenzten Fundus von Ohrwürmern schöpfen. Dann wieder, etwa bei «Honky Cat», «Burn Down The Mission» und natürlich den unverwüstlichen Heulern«Crocodile Rock» (mit Chorgesang vom Publikum) und «Benny And The Jets» (mit wildemBoogie-Woogie-Intermezzo), schlägt er die Tasten zur Freude der zahllosen Mitklatscher etwas härter an. Und zwischendurch streut er weniger bekannte Nummern ein; Songs beispielsweise wie «Greatest Discovery», «Border Song», «Tiny Dancer» oder «American Triangle» aus dem kommenden Album.
Nach jedem Lied steht Elton John von seinem Klavierhocker auf und lässt sich beklatschen. Seine Ansagen beschränken sich auf die Titel der weniger bekannten Songs; er versucht nicht, die Fans mit blumigen Anekdoten und Geschichten für sich einzunehmen. Sein ganzes Auftreten wirkt zurückhaltend und bescheiden; er trägt einen dezent geschnittenen hellgrauen Anzug, ein schwarzes T-Shirt und eine blau getönte Brille, und nichts erinnert mehr an den überdrehten, schillernden Glitzerpopper von einst. Der Elton John der «Medusa 2000»-Tour lässt einfach seine Musik sprechen. Schade bloss, dass er nicht wirklich alleine spielt, sondern viel zu oft furchtbar klebrige Synthesizerklänge einblenden lässt. Solcher Zuckerguss ist überflüssig, denn die Hits, die Elton John hörbar noch immer gerne spielt, würden ohne den aus dem Off zugemischten Schwulst mindestens ebenso gut klingen.
Doch den Fans gefällt's, und als der kleine, rundliche Mann auf der Bühne als dritte Zugabe «Candle In The Wind» spielt - diesmal wieder Norma Jean Baker alias Marylin Monroe gewidmet -, tauchen Hunderte von hochgerecktenFeuerzeugen und funkensprühenden Wunderkerzen das Stadion in warmes Licht.
nach oben
Bericht aus der Neuen Zürcher Zeitung vom 23.11.2000:
Molliger Onkel in Moll
Er kam allein, spielte und hatte sein Publikum komplett im Griff: Konzert von Elton John in Zürich
Von Philip Wegmüller
Abschiedstournee? Ach was! Elton John, das zeigte sein Auftritt am Freitag in Zürich, braucht die Bühne zum persönlichen Glück.
Am liebsten würde er nur noch traurige Lieder singen, sagte er kürzlich. Am Freitagabend hat er es gemacht: Elton John gab auf seiner selbst ernannten «Abschiedstournee» im ausverkauften Zürcher Hallenstadion zwei Dutzend seiner Oldies zum Besten, die Mehrzahl davon weltberühmt und in Moll.
Seine neunköpfige Band, die auf der neuen Live-CD eher aufdringlich lärmt, hat er zu Hause gelassen. Nur ein Piano steht auf der Bühne, flankiert von vier spanischen Wänden (entworfen von Versace). Ist diese Reduktion die neue Bescheidenheit des Pop-Exzentrikers? Nein, Bescheidenheit kennt Sir Elton nicht. Denn man sieht sofort: Elton John, im weissen Anzug und schwarzen T-Shirt, ist auch alleine eine Wucht. Schon vor dem ersten Lied lässt er sich feiern wie ein Sonnenkönig. Zwischen den Stücken nippt er an einer Coladose, die das ganze Konzert über in einem Versace-Sektkühler steht. Techno? Hip Hop? Alles an ihm abgeprallt. Elton John ist so beliebt wie Andrew Lloyd Webber und so zeitlos wie die Beatles. Im Hallenstadion erweist er sich mit jedem Akkord als Herr der Massen.
Für jeden im Publikum hat Sir Elton den passenden Song
Er ist ein bisschen dicker geworden, der Anzug spannt über den Hüften. Das Toupet, einem erlegten Biber nicht unähnlich, ist viel zu gross für diesen Kopf. Aber die Songs passen. Punkt acht gehts los, eine Playback-Suite kündigt ihn an. Der Sänger kennt sein Publikum. Für die Jüngsten singt er das «Lion King»-Lied. Für die Älteren fetzt er «Crocodile Rock». Für die frisch Verliebten schluchzt er «Blue Eyes». Und für den Fanklub hält er «Tiny Dancer» parat, einen exklusiven neuen Filmsong.
Wie klingen die Lieder so ganz ohne Pomp und Orchester? Fabelhaft und immer noch reichlich pathetisch. Virtuos die Pianoläufe, allmächtig die Stimme. Nach einer Dreiviertelstunde nimmt er zum ersten Mal seine blau getönte Brille ab, tupft sich den Schweiss von der Stirn und grinst. Feldstecher braucht man auch auf dem hintersten Platz keinen. Sein Konterfei wird auf zwei Leinwänden gezeigt, gelegentlich überblendet mit den strahlenden Gesichtern aus dem Publikum. Dass sich alle freuen, macht auch den Familienunterhalter froh.
Elton John ist ein Superstar, aber einer, der sich anstrengt für sein Honorar. Ein Multimillionär mit protestantischem Arbeitsethos. Fast drei Stunden singt er in Zürich. Vielleicht liegt genau darin seine Popularität. Er ist einer von uns. Er hat keine Haartolle wie Elvis. Keinen sexy Body wie Mick Jagger. Und die Tanzschritte eines James Brown beherrscht er sowieso nicht. Diese Mängel kompensiert er seit dreissig Jahren mit der Ausdruckskraft seiner Songs. Die aber stemmt er wie ein Olympia-Gewichtheber.
Ein virtuoses Spiel auf der Klaviatur der Gefühle
So ganz alleine auf der fernen Bühne wirkt Elton John wie ein Pianist in einer viel zu grossen Bar. Eine solche Reduktion aufs Nötigste hätte man dem Selbstdarsteller gar nicht zugetraut. Früher, in den Siebzigern, da machte er sogar Liberace Konkurrenz. Damals trug er Plattformschuhe, schrille Kostüme und liess zum Konzertende Hunderte weisser Tauben fliegen. Jetzt präsentiert er sich vergleichsweise ungeschminkt als eine Art lebende Greatest-Hits-Jukebox. Höflich sagt er die Lieder an: verzweifelte («Someone Saved My Life Tonight»), sentimentale («Rocket Man»), nachdenkliche («Ticking»). Die Soloshow zeigt: Am Flügel sind die Evergreens noch eindringlicher. Nicht mehr kitschig klingt da eine Schnulze wie «Don't Let The Sun Go Down On Me», sondern berührend. Sogar das rockige «Crocodile Rock» ist zum Heulen.
Das Publikum ist von der nie nachlassenden stimmlichen und instrumentalen Klasse still ergriffen. Auch Elton John, der mollige Onkel in Moll, zeigt Vergnügen. Hie und da schweift er in selbstgefällige Improvisationen ab, doch er bleibt - Populist, der er ist - stets nah an der Melodie. Dann watschelt er wieder zum Bühnenrand, winkt und nimmt - ganz wie es sich für einen Sir ziemt - Huldigungen entgegen.
Sag zum Abschied leise servus? Wird Elton John künftig nur noch Filmmusik für Hollywood und öde Musicals am Broadway komponieren, wie er es vor dem Start zu seiner «Abschiedstournee» angedroht hat? Glaubt ihm eh niemand! Er ist 53 und zum zweiten Mal in seinem Leben total verliebt. Er ist nach eigenen Angaben fresssüchtig und gibt manchmal an einem Tag 500 000 Pfund aus. Er ist der «wohl weltbeste Rock-'n'-Roll-Pianist» (Randy Newman). Er ist Elton John, er braucht den Applaus, und er ist glücklich, wenn er traurige Lieder singt.
nach oben
Bericht aus dem Tages Anzeiger vom 23.11.2000:
Abend für Blauäugige
Ganz allein rackerte sich Elton John am Freitag im Hallenstadion fast drei Stunden lang ab.
Von Thomas Bodmer
Schon seltsam: Da kommt auf seiner Abschiedstournee einer der erfolgreichsten Entertainer unserer Zeit in die Schweiz, singt sich durch seine Greatest Hits, und dennoch will der Funken nie so richtig springen. Selbst bei einem Megahit mit eingebauter Mitsingpassage wie "Crocodile Rock" klingt der Gesang der 12 000 Menschen im ausverkauften Hallenstadion unerwartet verhalten.
Dabei leistet Sir Elton Schwerarbeit: 2 3/4 Stunden lang ist er allein auf der Bühne, "just me and my old piano". Letzteres ist freilich ein als Flügel kaschiertes hochmodernes Keyboard (zuweilen wird von Geisterhand noch etwas Synthesizerschleim dazugemischt, aber immerhin kein Drum-Machine-Gestampfe). Punkt acht ist er auf die Bühne gekommen, in weissem Anzug, schwarzem T-Shirt und mit blauen Brillengläsern. Die passen gut zu "Blue Eyes", das er singen und "all of you blue-eyed people" widmen wird.
Millionär mit Stupsnase
Blauäugigkeit scheint ein wesentliches Merkmal des Publikums zu sein, denn wie anders lässt sich erklären, dass in der ersten Nummer, dem 29 Jahre alten "Your Song", der bekannt kaufsüchtige Multimillionär "I don't have much money" behaupten kann, ohne dass ihm Hohnlachen entgegenbrandet?
Zwei Videowände links und rechts der Bühne erlauben das Mienenspiel des Performers zu beobachten. Während zu Beginn des Konzerts bei fast jeder Silbe des Sängers rechte Augenbraue in die Höhe schnellt, weicht dieses interessante Phänomen im Lauf des Abends einem ebenso stereotypen An-die-Stupsnase-Greifen.
Ab und zu zeigen die Videowände auch andere Bilder: Das Gelblich-Schrundige ist freilich keine Nahaufnahme der Kopfhaut des mittlerweile rotblonden Sängers, sondern die Mondoberfläche, denn schliesslich ertönt gerade "Rocket Man". Vorher hat der ehemalige Rhythm-&-Blues-Pianist mit einem exzellenten Honky-Tonk-Klaviersolo das Publikum zum ersten Mal wirklich begeistert. Gern würde es jetzt weiterjubeln, doch dieser Mann, der nach dreissig Jahren im Geschäft die Tricks doch alle kennen müsste, zieht den Raketenmann-Song dermassen in die Länge, dass die Begeisterung wieder in duldsamer Teilnahmslosigkeit versackt.
Zu gleichförmig sind die Songs - von den alten Schlachtrössern bis zur einzigen Premiere des Abends, "American Triangle", entstanden aus Empörung über die Ermordung eines jungen Schwulen in Wyoming: Immer wieder tremolierende Gospelakkorde, immer wieder "Oah-oah-oah", denn mittlerweile artikuliert der 53-Jährige, als hätte er eine heisse Kartoffel im Mund. Doch in seiner Unbeholfenheit wirkt er auch sympathisch. Zur obligaten Zugabe "Candle in the Wind" erscheint er dann in einem blauweissen Trainingsanzug, Marke Nike. Vielleicht sollte ihm mal jemand stecken, dass die nicht mehr so angesagt ist.
nach oben
Bericht aus der Berner Zeitung vom 25.11.2000:
Pralles Kerlchen im Wolkenkitsch
Früher war Elton John ein schräger Vogel und schriller Exzentriker. Heute ist er ein Fachmann für Balladen, der nach dreissig Jahren Showgeschäft seine Auftritte dramaturgisch geschickt steigert.
Von Raphael Zehnder
«Ob er schön ist, spielt keine Rolle», sagte die junge Walliserin nach dem Konzert an der Strassenbahnhaltestelle, «er macht schöne Musik.» Das war am Freitagabend, nach einem rund dreistündigen Konzert. Elton John hatte am schwarzen Flügel gesessen und mit adeliger Eleganz einen hellblauen Anzug an und eine Brille mit blauen Gläsern auf. Die einstige barocke Exzentrik hat er abgelegt, ein Putto ist er geblieben, ein pralles Kerlchen.
Was mag man an ihm finden? Zur Identifikationsfigur taugt der 53-Jährige kaum: Es fehlt ihm die erotische Ausstrahlung eines Tom Jones, er bedient nicht die Rockerphantasien eines männlichen Publikums wie AC/DC, seine Botschaften sind verschlüsselter als die von Peter Maffay, tanzen lässt sichs zu seiner Musik schlecht. Was tut Elton John? Er sitzt da und spielt. Er spielt sich quer durch seine Laufbahn, vom allerersten Hit «Your Song» (1970) bis zu «Tiny Dancer» von der CD des nächsten Frühjahrs. Er mischt Bewährtes und weniger Bekanntes, legt am meisten Gewicht auf die Stücke der Siebzigerjahre, berücksichtigt in abnehmender Zahl jene der Achtziger und Neunziger.
Keyboard-Zuckerguss
Sein Auftritt baut auf eine clevere Dramaturgie, beginnt mit weichen Popballaden und kippt zunehmend in temperamentvollen Boogie, Blues und Soul. Allein, bis die schnelleren Lieder endlich erklingen, behalten jene Kritiker Recht, die in ihm den Kitschapostel sehen - ein Eindruck, der durch den ab Band gespielten, höchst unnötigen Keyboardzuckerguss noch verstärkt wird.
Elton John schöpft nicht nur aus dem Formelrepertoire des Typus «Liebeslied», er bemüht sich in Zusammenarbeit mit seinem Songwriting-Partner Bernie Taupin durchaus auch um etwas Tiefgang: Die grosse Zahl der Feuerwaffen in den USA bringt er ebenso zur Sprache wie einen Mord in Wyoming. Jedoch: Des Sängers Reaktionen auf Schreckliches erschöpfen sich darin, «einen traurigen Song» zu schreiben oder ein «Lied der Hoffnung», wie er die entsprechenden Titel ansagt.
Das ist, mit Verlaub, das Gebaren eines Schlagersängers. Und vielleicht ist er ja wirklich einer, macht er doch Musik für Leute, die schöne Melodien und gepflegte Popmusik mögen und sich nicht durch ein allzu schrilles Auftreten oder durch zu laute Musik erschrecken lassen wollen.
Soul und Boogie-Woogie
Der Soul von «Harmony» ist auch in der sparsamen Instrumentierung noch pathetisch genug. Zu den Instrumentals aus dem Album «The Fox» wurden Wolkenbilder projiziert. Man kann es goutieren. Am besten gefielen die Soulstücke «Dont Let The Sun Go Down On Me» und «Benny & The Jets», das Elton John mit einem feurigen Boogie-Woogie-Schluss versah, sowie der Blues «I Guess Thats Why They Call It The Blues». Da sprühte er endlich.
Wenn sich einer ohne grössere Einbrüche dreissig Jahre im Schaugeschäft ganz oben halten kann, umgibt ihn ein gewisser Nimbus. Spies dieser Nimbus den Applaus des Freitagabends oder war es das in Echtzeit Vorgetragene? Die Bilanz ist wohl ausgeglichen. Elton John ist von üppiger Exzentrik zu schlichteren Formen ohne Effekthascherei gelangt. Ein Fachmann für Balladen und - sprechen wir es aus: - Kitsch ist er geblieben. Den Abschluss bildete, wen überraschte es, «Candle In The Wind». Es war der zweite Zugabenblock. Elton John hatte sich bereits umgezogen, er trug einen blauweissen Trainingsanzug. Es war Schlafenszeit.
nach oben
Bericht aus der Berner Zeitung vom 25.11.2000:
Die Einsamkeit des Raketenmanns
Für einmal melancholisch statt exaltiert: Allein am Klavier hat Elton John im Hallenstadion seine zeitlosen Popballaden intoniert und mit dem noch unveröffentlichten «American Triangle» an den jungen Matthew Sheppard erinnert, der ermordet wurde, weil er schwul war.
Von Brigitta Niederhauser
Der Flügel sieht grossartig aus, scheppert aber manchmal wie eine Jahrmarktsorgel. Unbeholfen wirkt auf den ersten Blick der Mann am Klavier, einmalig aber ist seine Show: «I m a rocket man», singt er. «Rocket man burning out his fuse up here alone».
Elton John ist der einsame Raketenmann. Und für einmal zündet er auf der Bühne im restlos ausverkauften Hallenstadion nicht das grosse Feuerwerk, das meistens seine Auftritte illuminiert. «Just me and this old piano», sagt John, der in allen Interviews immer wieder betont, dass die Bühne letztlich der einzige Ort sei, wo er echtes Glück verspüre.
Traum vom Märchenprinzen
Im Hallenstadion dauert dieses Glück fast drei Stunden, bei dem der 53-Jährige auf Glitterdress und Diamantenbrille genauso verzichtet wie auf tollkühne Akrobatiknummern am Klavier. Schüchtern fast und ungelenk wie ein grosser Schüler sitzt er da mit seinem allzu üppigen künstlichen Bubikopf. Obwohl ihn seine Balladen längst zu einem der erfolgreichsten Musiker aller Zeiten gemacht haben, wirkt er wie das Entlein, das immer noch hofft, endlich Schwan zu werden. Denn weder der Ruhm noch die 56 Millionen Franken, die er allein 1999 eingenommen hat, vermögen ihn in jenen strahlenden Märchenprinzen zu verwandeln, von dem er als verlachtes Kind immer träumte.
Mit seinen Schätzen, den Popklunkern aus den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren, seinen besten Zeiten, hat er vor gut einem Monat im Madison Square Garden das Live-Album «One Night Only» (Universal) eingespielt, das soeben auf den Markt gekommen ist. Lauter Nummern, die es fast alle in Amerika in die Top Ten schafften. Mit vier Alben gleichzeitig dominierte er dort einmal die Hitparade, ein Coup, der vor ihm nur den Beatles gelungen war.
Keines seiner Highlights lässt er auch in Zürich aus, von «Your Song» bis zu «Bennie and the Jets», von «Burn down the Mission» bis zum Lion-King-Soundtrack «Circle of Life» bringt er sie fast alle, seine zeitlos klassischen Popballaden. Doch bevor er noch den «Crocodile Rock» anstimmt, die heitere Hymne an längst vergangene Zeiten, mit der ihm in Amerika seine erste Nummer 1 gelungen war, widmet er dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten den Song «American Triangle», der nächstes Jahr auf seinem geplanten Studioalbum erscheinen wird. An den Tod des 21-jährigen Studenten Matthew Sheppard, der 1998 in Wyoming brutal in einem Hinterhof ermordet wurde, weil er schwul war, erinnert die schnörkellos schlichte Ballade. Wird zum Requiem über die Intoleranz, die John selber so lange Jahre zu schaffen machte, dass er sein eigenes Coming-out erst spät riskierte.
Kraftvoll ist seine Stimme, und wenn sie zwischendurch auch kurz mal ein wenig verbraucht tönt, so macht dies ihn und seine Songs nur noch authentischer, so wie die leise Melancholie seinen Songs weitaus besser bekommt als die überbordende Exaltiertheit von einst. Sogar das mitunter billige Scheppern der Elektronik, die statt Saiten der Bauch des Flügels birgt, verpasst dem Auftritt für kurze Momente eine hübsche Patina, die an den selbstvergessenen Barpianisten gemahnt, der Elton John in den Sechzigerjahren einmal war.
Norma Jean statt Diana
Und gut drei Jahre nach dem Tod seiner Prinzessin singt John auf der Tournee, die er in New York als seine letzte angekündigt hat, auch wieder jenes Lied, das er für die tote Diana umschrieb und damit zum weltweit meistverkauften Song machte. Doch auch hier überrascht er mit unprätentiöser Ehrlichkeit: «Candle in the Wind» ist wieder das Lied, das er 1973 für Norma Jean komponiert hat. Das Goodbye eines jungen Manns aus der 22. Reihe, für den die blonde Schauspielerin mehr als ein Sexobjekt, mehr als «just our Marilyn Monroe» war.
Im Hallenstadion zeigt auch Elton John, dass er weit mehr ist als der Superstar, der in den letzten Jahren nur noch mit seinem extravaganten Lebensstil Schlagzeilen machte.
nach oben
Konzertberichte Wien (Österreich)
Ein Bericht aus Wien von www.elton.de-Leserin Andrea Laenger: Elton John spielt in ausverkaufter Stadthalle in Wien - Seine Fans waren begeistert!"Elton im schwarzen Anzug an seinem Klavier - sehr edel und ansprechend. Die Bühne dementsprechend auch einfach gehalten. Das Konzert war ein "Back to the Roots" und in der Weise einzigartig und gut gelungen. Auch ohne seine Band kamen seine Lieder beim Publikum - jeden Alters - an. Es ist erstaunlich, welche Wandlung Elton John im Laufe seiner Karriere durchlaufen hat. Bei seinem letzten Lied in der Stadthalle wechselte er den schwarzen Anzug mit einem Jogginganzug - doch noch einmal extravagant?!"
Auch elton.de - Leserin Doris Hofmarcher aus Wien schrieb für uns einen begeisterten Bericht aus Wien: Elton John in Wien - Ein unvergesslicher Abend!!
"Pünktlich auf die Minute erschien Elton John auf der Bühne. Das Publikum reagierte mit begeistertem Applaus, doch im Laufe des Abends spürte man, dass er alle seine Fans mitreißen konnte. Seine Lieder gingen unter die Haut, man konnte es förmlich spüren. Die blau-gelben Lichtspiele und die Videowand mit den Einspielungen von Wolken zu "Carla/Etude" sowie dem Flug durch das All zu "Rocket man" brachten unbeschreibliche Gefühle hervor. Es war ein Genuß, seiner traumhaften Stimme zuzuhören, sowie seine Finger über die Tasten schmeicheln zu sehen. Bei "Crocodile rock" war das Publikum nicht mehr zu halten, es tanzte begeistert mit! Danke, Elton, dass Du für uns gespielt hast, es war ein unvergessen stimmungsvoller Abend!!"Auch elton.de Leserin Christine aus Deggendorf schreibt über Wien. Im Sommer hatte Elton John bei seinem letzten Konzert in Deutschland leider eine Erkältung und konnte in München nur heiser & kurz spielen. Hallo ihr alle!"War gestern auf dem Konzert in Wien. Ich habe auch das Münchner Konzert gehört und kann nur sagen, daß war ein Unterschied, wie Tag und Nacht! Elton hatte seine Stimme wiedergefunden und diesmal auch die hohen Töne nicht ausgelassen. Von seinen Pianocapriolen einmal abgesehen, die erwarten wir ja schon fast, war ich total begeistert. Nur leider hat es mich kaum auf dem Sitz gehalten, während der Großteil der Leute um mich rum leider den Eindruck machte bald einzuschlafen! Ein echtes Manko! Für meine Begriffe war Sir John ausgesprochen gut in Form! Könnte ich morgen wieder haben."
Mit den Stühlen hat Sie recht! Die Leute kleben irgendwie an ihren Stühlen, wahrscheinlich zählt hier das Motto 'bezahlt ist bezahlt' mehr als der Grundgedanke, dass man in einem Rockkonzert normalerweise nicht sitzt...
nach oben
Bericht der Zeitung Die Presse vom 27.11.2000:
Zeitlos schön ohne die übliche BegleitungElton John, der exzentrische britische Popstar, drückte auf die Tränendrüsen in der ausverkauften Wiener Stadthalle.
Von Samir H. Köck
Intuition ist nicht selten von großer Weisheit. Es begab sich im Jahre 1967, daß ein hoffnungsfroher, von den Musen des Rock'n'Roll gekoster junger Mann namens Reginald Dwight in die Verlegenheit kam, sich einen Künstlernamen auszutüfteln. Das Produkt dieser Geistesanstrengung - Elton John - ist heute in jeder Mittelstandsfamilie der westlichen Hemisphäre so geläufig wie die Produktnamen von Spülmitteln und Katzenwurst.
Daß aber dereinst noch ein "Hercules" zwischen "Elton" und "John" prangte, geriet zu Unrecht in Vergessenheit. Hercules, im alten Rom als der Gott des Gewinns und der Kaufleute verehrt, hätte sicher die allergrößte Freude mit Elton Johns Finanzgebaren. Obwohl im Vergleich zu Paul McCartney (500 Mill. Pfund Vermögen) mit laschen 156 Millionen Pfund nachgerade arm, versteht es der exzentrische Sir Elton viel besser, das Geld unters Volk zu bringen. Für Blumen - vorzugsweise weiße Lilien - hat der Sänger in den letzten beiden Jahren sieben Millionen Schilling ausgegeben.
Kein Wunder, daß dieser "Ludwig II. des Pop" die heurige Ausgabe seiner "Greatest-Hits-Tour" solo bestritt. Irgendwo muß man ja zu sparen beginnen. Ihrer nicht selten bombastisch-peinlichen Instrumentierung entledigt, konnte sich die Essenz der Liederkunst des Briten wirkungsvoll entfalten. "Your Song", Eltons erster Hit von 1970, der damals auch von der großen Soulsängerin Aretha Franklin interpretiert wurde, markierte den würdigen Beginn eines fast dreistündigen Konzerts, dessen Programm vor allem durch Kompositionen aus den frühen siebziger Jahren geprägt wurde.
Der Buddy-Holly-Fan lockte auf Krokodilsfelsen ("Crocodile Rock"), in Flugzeuge ("Daniel" und "Take me to the Pilot") und sogar Raketen ("Rocket Man"), vor allem aber in den zwischenmenschlichen Bereich, wo all die emotionalen Konflikte lodern, die Elton Johns Texter Bernie Maupin mit der richtigen Balance aus Groschenromanpathos und metaphorischer Schlichtheit perfekt für das große Publikum aufbereitet.
Lust auf Tastenschörkel
Von zeitloser Schönheit waren Stücke wie "Border Song", "Daniel", "Circle of Life", "Harmony" und "Sorry seems to be the hardest word". Peinlich gerieten zwei zu Recht unbekannt gebliebene Instrumentals aus dem Album "The Fox". Elton Johns zierliche Finger wirbelten ehrgeizig über die Tasten des Flügels. Im Kopf mag er dabei seine Vorbilder Ramsey Lewis und George Shearing gehabt haben, allein man glaubte zuweilen einen betrunkenen Liberace zu hören, der lustvoll Schnörkel setzt, wo Stille angebracht gewesen wäre. Ein Ärgernis waren auch die immer wieder aus dem Off kommenden, ein Orchester simulierenden Synthesizerklänge.
Zum fast unhörbaren Zischeln zahlloser Wunderkerzen fand die wundersame Verwandlung von Zuckerwatte in Musik ihren Höhepunkt im als Zugabe dargereichten "Candle in the Wind". Wie schön Kitsch sein kann, bewies Elton John aber einmal mehr mit den wohligen Stimuli von "Sacrifice". Reuevolle Erkenntnis schwebte auf einer deliziösen Melodie sanft ans Ohr, gewährte emotionalen Rückhalt in einer unfreundlichen Welt. Der Popsong als Lebenshilfe - so soll es sein.
nach oben
Bericht aus Der Standard vom 27.11.2000:
Einsam und teuer
Des Barden auf sein Privatleben bezogene Selbstdefinition: "Ich bin ein geselliger Mensch, aber ich bin auch ziemlich gerne allein." Ähnlich verhält es sich bei Elton John, wenn es um sein öffentliches, also um sein Bühnenleben geht. Gerne hat er eine rockige Band um sich. Aber zurzeit drängt es ihn in die Einsamkeit der Bühne - das konnte am Samstag eine ziemlich volle Wiener Stadthalle bestätigen. Ein Sänger, sein Yamaha-Klavier und Songs aus 30 Jahren Popleben: Drei Stunden lang zelebrierte der 53-jährige Brite, der einst Reginald Kenneth Dwight hieß, sein Repertoire zwischen Your Song und Rocket Man - und natürlich ließ er auch Circle Of Life, den Soundtrack zum König der Löwen, nicht aus. Tatsächlich sang er auch Candle In The Wind, jene Miniatur, die er nach dem Ableben von Prinzessin Diana eigentlich nie mehr live geben wollte. Seine Pläne? Ende der Einsamkeit! Demnächst wird er in den USA elf Auftritte gemeinsam mit Amigo Billy Joel geben. Außerdem will er bald 20.000 Kleidungsstücke aus seinem Besitz zugunsten der Aids-Forschung verkaufen. Ab Mittwoch sollen die Kleidungsstücke des für sein Glitzer-Outfit bekannten Evergreens in einem Geschäft in London verkauft werden. Eine Sprecherin des Verkleidungsartisten: "Man kann kaufen, so viel man will, doch der Preis steht fest - es gibt kein Feilschen!" Unter den Kleidungsstücken soll auch ein Silber-anzug im Wert von umgerechnet 1,2 Millionen Schilling sein, den Elton John zu seinem 50er trug.
nach oben
|